Kein Fußball ohne uns – warum Heimspiele Heimat brauchen

Kein Fußball ohne uns – warum Heimspiele Heimat brauchen

In einigen Sportarten ist es bereits gang und gäbe, dass inländische Sportveranstaltungen ins Ausland verlegt werden, um die jeweilige Veranstaltung als Produkt besser im Ausland vermarkten zu können und um die Präsenz außerhalb des eigenen Landes zu erhöhen. Bei der Tour de France finden beispielsweise Etappen im Ausland statt und die amerikanisch-kanadische NFL bestreitet Spiele in Europa. Was diese beiden beispielhaften Sportarten vom europäischen Vereinsfußball, und insbesondere dem deutschen, unterscheidet, ist die fanatische und autarke, selbstbestimmte Fankultur, welche in dieser Form flächendeckend lediglich der Fußball besitzt. Dort gibt es keine Strukturen organisierter Fans, wie man sie von den aktiven Fanszenen Europas gewohnt ist. In der NFL werden die Verlegungen nach Europa teilweise begrüßt (im Sinne der besseren Vermarktung) oder zwar abgelehnt, aber ohne, dass vehementer Protest dagegen erfolgt.

Bei uns in Deutschland erhitzte bereits der bloß geplante Einstieg von Investoren in die DFL die Fangemüter dermaßen, dass wochenlanger, landesweiter Protest in den Stadien folgte, der schlussendlich die gewünschte Wirkung erzielte, als die DFL vom weiteren Verfolgen ihrer Pläne absah. Dies führte nicht nur den Entscheidern der Liga vor Augen, dass die deutschen Fanszenen stets auf Missstände aufmerksam machen und unbequem sein werden, wenn sich der (deutsche) Fußball von den Interessen derer, die den Sport maßgeblich zu dem machen, was er ist, entfernt.
Diesbezüglich hat sich in den vergangenen Wochen in Spanien und Italien eine beunruhigende Entwicklung zugetragen, die zwei gefährliche Präzedenzfälle produziert und der UEFA ihre eigene Machtlosigkeit in der Thematik demonstriert hat. In Spanien hatte der Ligaverband die Partie des 17. Spieltages zwischen Barcelona und Villarreal in die USA, nach Miami, verlegt. Nach Spielerprotesten am vergangenen Wochenende wurde die Entscheidung revidiert. Hier ließen die Spieler auf dem Platz nach Anpfiff 15 Sekunden lang den Ball ruhen, ehe sie das Spiel begannen. Außerdem ließen Fans bewusst Plätze auf den Rängen leer, um ihre ablehnende Haltung zu zeigen. Für die Begegnung der Serie A zwischen Como und Mailand sollen beide Teams eine Wegstrecke von 28.000km nach Perth in Western Australia und zurück bewältigen, um ein einziges Fußballspiel zu bestreiten. Hierbei beträgt der Hin- und Rückweg zwischen den Heimstadien der beiden Teams eigentlich weniger als 100km, während die Strecke nach Perth und zurück einer Erdumrundung auf Höhe des 45. Breitengrades ziemlich genau gleich kommt. Australien und die USA sind zwei ökonomisch starke Länder, die allerdings über keine starken heimischen Ligen verfügen und dennoch am Spitzenfußball teilhaben wollen. Darin findet die Frage nach dem Interesse der Ausrichtung der Spiele in den beiden Ländern ihre Beantwortung.

Abgesehen von der immensen Belastung für das Spielerpersonal und der Ressourcenverschwendung ist der „Faktor Fan“ in diese Rechnung noch gar nicht eingepreist. All die Menschen, die zweiwöchentlich ins San Siro pilgern und ihre Mannschaft teilweise seit Jahrzenten anfeuern, werden de facto von einem Heimspielbesuch ihres Teams ausgeschlossen, wollen sie nicht eine Woche Urlaub nehmen und zigtausende Euro ausgeben – vom Unterschied in der Atmosphäre mal ganz zu schweigen.

Steht uns in Deutschland also künftig Ähnliches bevor und wie könnte sich eine solche Entwicklung bei uns äußern? Vornweg: das Verhindern des Investoreneinstiegs ist diesbezüglich ein großes Faustpfand. Ein großer Investor mit rigoroser Gewinnabsicht und ohne Interesse an Belangen der Fans hätte früher oder später wohl auch dafür gesorgt, dass Bundesligaspiele in fernen Ländern ausgetragen werden würden. Ganz vom Tisch wird ein solches Horrorszenario allerdings mittelfristig leider auch nicht sein, sollte die DFL den spanischen und italienischen Vorbildern dennoch folgen wollen, um die maximale Vermarktbarkeit erreichen zu können.

Für die Bundesliga könnte das konkret bedeuten, dass beispielsweise der sogenannte Klassiker zwischen Bayern und Dortmund nicht mehr in München, sondern in Kuala Lumpur oder in Shanghai ausgetragen würde. Die 80.000 Zuschauer, die sonst bei diesem Spiel die Münchner Arena füllen, würden dann wortwörtlich in die Röhre gucken. Wenn an einem dieser beiden beispielhaften Orten das Spiel zur typischen Bundesligazeit, um 15:30 Uhr, angepfiffen würde, ginge das Spiel im Sommer um 9:30 Uhr deutscher Zeit los und würde mit dem Frühstücksfernsehen um Zuschauer konkurrieren müssen. Nichts hätte das Ganze mehr mit dem Erlebnis Bundesliga zu tun, das bundesweit seit 1963 Wochenende für Wochenende geschätzt wird.

All das, was wir am Fußball im Stadion schätzen, ginge uns Fans verloren. Der Fußmarsch den Berg hinauf, das Eindecken mit Aufklebern an den Infoständen der Ultragruppen, das Warten in der Schlange vor dem Klo oder das gemeinsame Feiern mit der Mannschaft nach dem Heimsieg in der Bastion Betzenberg. Die gemeinsame Busfahrt zum Auswärtsspiel, das Gesangsduell mit der gegnerischen Kurve oder die bedrückte Stimmung auf der Heimfahrt nach der Auswärtsklatsche – all das verschwände. Noch scheint ein solches Szenario in weiter Ferne. Wenn man aus den letzten Jahren jedoch eines gelernt hat, dann das sich solche Entwicklungen meist schneller vollziehen als einem lieb sein kann. Daher gilt es, solche Überlegungen schon in ihren kleinsten Auswüchsen kritisch zu hinterfragen und die Augen offen zu halten, um falsche Entwicklungen frühzeitig erkennen zu können. Heimspiele müssen schlichtweg weiterhin Heimspiele bleiben!

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